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Anthropic beantragt den Börsengang: Was hinter dem Rekordverlust steckt

Anthropic hat am Montag seinen Börsenprospekt veröffentlicht. Der Umsatz wächst rasant, der ausgewiesene Verlust ist gigantisch, und ein großer Teil davon ist Buchhaltung statt Geld.

Anna WeberAnna Weber
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Anthropic beantragt den Börsengang: Was hinter dem Rekordverlust steckt

Anthropic hat am Montag seinen Börsenprospekt veröffentlicht. Der Umsatz wächst rasant, der ausgewiesene Verlust ist gigantisch, und ein großer Teil davon ist Buchhaltung statt Geld.

Was Anthropic am 26. Oktober bei der SEC eingereicht hat

Anthropic, PBC hat am 26. Oktober einen Registrierungsantrag auf Formular S-1 bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Das Unternehmen will seine Stammaktien der Klasse A an der Nasdaq Global Select Market unter dem Kürzel „ANT“ notieren lassen. Wie viele Aktien angeboten werden und zu welcher Preisspanne, steht noch nicht fest, das schreibt Anthropic selbst in der Mitteilung.

Der Antrag ist ein Formdokument, kein Werbetext. Goldman Sachs und Morgan Stanley führen die Emission als Hauptkonsortialführer, die Registrierung ist noch nicht wirksam, und die Ankündigung stellt kein Angebot zum Verkauf dar. Nach Angaben von heise hatte Anthropic den Antrag bereits im Juni vertraulich eingereicht, öffentlich geworden ist er jetzt.

Damit ist der Schritt zur Börse formal vollzogen. Offen bleibt der Preis, und genau darum dreht sich der Rest des Prospekts.

Der Umsatz springt auf 16,3 Milliarden Dollar

Die Zahlen im Prospekt beschreiben ein Unternehmen in einer steilen Kurve. Im ersten Halbjahr 2026, also bis zum 30. Juni, setzte Anthropic 16,3 Milliarden Dollar um. Im Vorjahreszeitraum waren es 1,16 Milliarden, was einer Steigerung um mehr als das Dreizehnfache entspricht. Wer den Sprung einordnen will, muss ihn gegen das gesamte Jahr 2025 stellen, in dem Anthropic nach den Zahlen des Prospekts etwa 4,6 Milliarden Dollar umgesetzt hat.

Aufschlussreich ist, woher das Geld kommt. Rund 80 Prozent des Umsatzes stammen aus nutzungsabhängigen Gebühren, also aus dem Zugriff auf Modelle über Programmierschnittstellen. Abonnements machen die übrigen 20 Prozent aus. Die Nachfrage kommt vor allem von Unternehmen, die Claude und Programmierwerkzeuge mit KI einsetzen.

Das ist ein anderes Geschäftsmodell als bei einem Consumer-Abo. Ein Kunde, der pro Token zahlt, kann seine Nutzung kurzfristig hochfahren, und er kann sie genauso schnell wieder drosseln. Wachstum dieser Art ist schnell und fragil zugleich.

Warum 80,7 Milliarden Verlust keine 80,7 Milliarden Loch sind

Unter dem Strich weist Anthropic für das erste Halbjahr einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar aus. Ein Jahr zuvor lag der Wert bei 13 Milliarden. Wer nur diese Zeile liest, sieht ein Unternehmen, das Geld verbrennt wie kein zweites.

Der Blick in die Erläuterung ändert das Bild. Rund 72,4 Milliarden Dollar des Verlusts entstehen aus der Neubewertung von Wandelanleihen, Derivaten und ähnlichen Instrumenten. Der Mechanismus ist sperrig, aber nachvollziehbar: Steigt der Wert des Unternehmens, werden die Ansprüche der Investoren rechnerisch mehr wert, und diese Wertsteigerung muss als Verlust in der Gewinn- und Verlustrechnung stehen. Geld fließt dabei keines.

Interessanter ist deshalb die operative Zeile. Der operative Verlust schrumpfte von 2,1 Milliarden auf 693 Millionen Dollar. Nach der Bereinigung um Aktienvergütung, nicht zahlungswirksame Spenden und Vergleichszahlungen weist das Unternehmen für das Halbjahr einen operativen Gewinn von 1,6 Milliarden Dollar aus, bei einer Marge von etwa zehn Prozent.

Beide Zahlen sind zulässig. Die eine zeigt, wie stark das Unternehmen von Bewertungsannahmen abhängt, die andere, wie es im Tagesgeschäft läuft. Wer eine Meinung zur Aktie braucht, kommt um beide nicht herum.

Der operative Cashflow dreht ins Plus

Zum ersten Mal in der Firmengeschichte war der operative Cashflow positiv. Im ersten Halbjahr flossen 3,9 Milliarden Dollar herein, nach minus 1,5 Milliarden im Vorjahreszeitraum.

Diese Zahl ist schwerer zu gestalten als ein bereinigter Gewinn. Sie sagt, dass das Tagesgeschäft die Rechnungen bezahlt hat. Im zweiten Quartal erwirtschaftete Anthropic bei 11,6 Milliarden Dollar Umsatz rund eine Milliarde Dollar operativen Gewinn.

Auf der Kostenseite steht der Ausbau der Rechenkapazität. Für Rechenleistung und Infrastruktur gab Anthropic im Halbjahr 8,9 Milliarden Dollar aus, nach 2,3 Milliarden im Vorjahreszeitraum, und nach Angaben des Unternehmens bringt jeder Dollar Rechenleistung 2,08 Dollar Umsatz. Das ist eine Kennzahl aus dem eigenen Haus, und sie ist der Maßstab, an dem sich das Geschäftsmodell künftig messen lassen muss: Solange diese Relation hält, wächst das Unternehmen schneller als seine Infrastrukturkosten.

Klasse F: 50,1 Prozent Stimmrechte für sieben Gründer

Der Prospekt beschreibt eine Doppelstruktur bei den Aktien. Neben den öffentlich angebotenen Papieren gibt es eine Klasse F, die den sieben Mitgründern zusammen 50,1 Prozent der Stimmrechte sichert, auch wenn ihr wirtschaftlicher Anteil kleiner ist.

Als Grund nennt das Unternehmen ausdrücklich das Risiko, dass KI-Systeme eigenständig großen Schaden anrichten könnten. Die Kontrolle soll demnach nicht bei Aktionären liegen, die kurzfristige Quartalszahlen belohnen und die nächste Ausschüttung im Blick haben. Man kann das als Verantwortung lesen oder als Absicherung der Gründer gegen den Kapitalmarkt. Beides trifft zu.

Der Ton des Dokuments fällt ungewöhnlich. Auf den ersten Seiten steht ein Gründerbrief über ein „Zeitalter der Wunder“, von der Heilung von Krebs bis zur kürzeren Warteschlange im Amt. Direkt danach folgen Risiken für die Gesellschaft. Der Abschnitt mit den Risikofaktoren umfasst rund 94 Seiten von insgesamt mehr als 300.

Fünf Kunden, ein Viertel des Umsatzes

Ein Punkt verdient mehr Aufmerksamkeit, als er in den Schlagzeilen bekommt. Die fünf größten Kunden stehen für etwa 25 Prozent des Umsatzes der ersten neun Monate 2026. Knapp die Hälfte aller Erlöse wird über die Cloud-Marktplätze von Amazon, Google und Microsoft abgerechnet.

Das bedeutet Abhängigkeit in zwei Richtungen. Wer über einen Marktplatz verkauft, überlässt einem Partner einen Teil der Marge und der Kundenbeziehung. Und im Risikoteil steht der Satz, dass einige dieser Großkunden zugleich Wettbewerber sind. Amazon und Google bauen eigene Modelle, Microsoft vertreibt fremde.

Weitere Angaben aus dem Prospekt: 5.300 Mitarbeiter Ende September, gegründet 2021. Das Unternehmen schätzt, dass fünf bis sieben Prozent des diesjährigen Umsatzes von Kunden stammen, bei denen später Verstöße gegen die Nutzungsbedingungen festgestellt wurden. Und es gibt einen laufenden Rechtsstreit mit dem US-Verteidigungsministerium.

Was 1,5 bis 2 Billionen Dollar bedeuten würden

Zur Bewertung sagt der Prospekt nichts, das ist bei einem S-1 normal. Mehrere Medien berichten von einer angepeilten Bewertung zwischen 1,5 und 2 Billionen Dollar, einzelne Investoren werden mit Erwartungen bis 2,4 Billionen zitiert. Diese Zahlen sind Berichte, keine Angaben des Unternehmens.

Also Schätzungen.

Als Vergleich taugt der Börsengang von SpaceX im Juni, der mit 1,77 Billionen Dollar bewertet wurde. Gehört ein Softwareunternehmen mit 5.300 Mitarbeitern in dieselbe Größenordnung?

Drei Prüfpunkte helfen bei der Antwort. Erstens das Wachstumstempo: dreizehnfach in einem Jahr ist außergewöhnlich, lässt sich aber nicht beliebig wiederholen, weil die Basis wächst und jeder weitere Sprung auf einem größeren Nenner stattfindet. Zweitens das Verhältnis von Rechenkosten zu Umsatz, das über die Marge entscheidet. Drittens die Kundenkonzentration, die jede Krise eines Großkunden zu einer eigenen macht und die Verhandlungsposition gegenüber den Cloud-Partnern schwächt. Wer dazu die Stimmrechtsstruktur legt, hat ein ordentliches Bild, aber keine Empfehlung.

Nach Angaben von Fortune wird ein Börsengang in der Woche um Thanksgiving angepeilt. Bestätigt ist das nicht.

Was Anleger und Claude-Nutzer daraus mitnehmen

Für Anleger liefert der Prospekt das erste belastbare Zahlenwerk zu Anthropic, und es zeigt ein Unternehmen, das schnell wächst, knapp profitabel arbeitet und einen großen Teil seines ausgewiesenen Verlusts Buchhaltungseffekten verdankt. Das ist keine Kleinigkeit, aber auch kein Skandal.

Für Nutzer ändert sich kurzfristig wenig. Ein Börsengang verändert Preise nicht über Nacht, er verändert den Druck. Ein Unternehmen mit Quartalsbericht muss Wachstum zeigen, und Wachstum entsteht in diesem Markt über Abos, über Unternehmensverträge und über Rechenleistung, die bezahlt werden muss.

Wer die weitere Entwicklung verfolgen will, achtet auf zwei Termine. Den Preis der Emission, sobald er feststeht, und den ersten Quartalsbericht danach. Dort zeigt sich, ob die 2,08 Dollar Umsatz je Dollar Rechenleistung halten, was der Prospekt verspricht.

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