Wirtschaft & Industrie

Nvidia soll für die Schulden seines Kunden bürgen

Laut The Information verhandelt Nvidia mit Nscale über Kreditbürgschaften für ein 460-MW-Rechenzentrum in West Virginia, das Anthropic im Rahmen eines 45-Milliarden-Dollar-Vertrags nutzen soll.

Anna WeberAnna Weber
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Nvidia soll für die Schulden seines Kunden bürgen

Nvidia verkauft die Chips, hält Anteile am Betreiber und soll nun auch noch für dessen Schulden geradestehen. Bestätigt hat das niemand.

Was The Information am 29. Oktober meldete

Am 29. Oktober hat The Information berichtet, Nvidia verhandle mit dem Cloud-Anbieter Nscale über Kreditbürgschaften für Schulden in Milliardenhöhe. Reuters und Bloomberg haben die Meldung am selben Tag aufgegriffen, unter Berufung auf dieselbe Quelle.

Der Vorgang ist keine Kleinigkeit. Eine Bürgschaft heißt: Wenn der Kreditnehmer nicht zahlt, haftet der Bürge. Nvidia würde damit nicht nur Hardware liefern, sondern einen Teil des Ausfallrisikos eines Kunden übernehmen. Die Größe der Bürgschaft ist nicht bekannt. Der Vertrag ist nicht unterschrieben, die Bedingungen können sich ändern.

Alle Angaben stammen aus der Berichterstattung und von Personen, die mit der Sache vertraut sind. Nvidia, Nscale und Anthropic haben sie nicht öffentlich bestätigt. Wer diesen Text als Beschreibung einer abgeschlossenen Transaktion liest, liest ihn falsch.

460 Megawatt und ein Vertrag über 45 Milliarden Dollar

Das Geld soll in ein Rechenzentrum mit 460 Megawatt Leistung fließen. Diese Zahl beschreibt nicht die Größe des Gebäudes, sondern den Strombedarf. 460 Megawatt liegen in der Größenordnung eines mittleren Kraftwerksblocks, und genau das ist der Punkt, an dem solche Projekte heute scheitern: nicht an Chips, sondern an Anschlussleistung und Kreditlinien.

Der Standort ist der zweite Bauabschnitt des Monarch-Campus von Nscale in West Virginia. Nutzen soll ihn Anthropic, im Rahmen einer Vereinbarung über Rechenleistung im Wert von rund 45 Milliarden Dollar. Bloomberg hatte Anfang des Monats berichtet, Anthropic verhandle darüber in einer späten Phase.

Zum Einsatz kommen laut Bericht die nächste Chip-Generation von Nvidia, Vera Rubin. Damit schließt sich der Kreis: Der Hersteller der Chips bürgt für den Kredit, mit dem der Betreiber die Gebäude baut, in denen die Chips des Herstellers laufen, um die Modelle eines Kunden zu trainieren, der wiederum Kunde des Herstellers ist.

Wie der Standort zu Anthropic kam

Der Ort hat eine Vorgeschichte. Microsoft hatte im März eine unverbindliche Absichtserklärung für denselben Standort unterzeichnet und sich später zurückgezogen. Anthropic übernahm.

In den Unterlagen, die Nscale für den Börsengang veröffentlicht hat, liegt das bestehende Infrastruktur-Engagement von Anthropic bei knapp 45 Milliarden Dollar. Diese Zahl stammt aus einem Prospekt, nicht aus einer Pressemitteilung, und ist damit die belastbarste Angabe in dieser Geschichte.

Dass ein Kunde einen Standort übernimmt, den ein anderer Anbieter aufgegeben hat, ist im Rechenzentrumsgeschäft üblich. Ungewöhnlich ist der Zeitpunkt: Der Ausstieg von Microsoft und der Einstieg von Anthropic liegen nah genug beieinander, dass der Standort nie leer stand. Für die Region ist das die gute Nachricht, für die Bewertung des Risikos die schlechte, denn sie zeigt, wie stark solche Projekte von der Bereitschaft eines einzelnen Kunden abhängen.

Wer Nscale ist

Nscale hat im September öffentlich einen Börsengang in den USA beantragt und peilt eine Bewertung von rund 30 Milliarden Dollar an. Kurz davor hat das Unternehmen rund 3,4 Milliarden Dollar vor dem Börsengang eingesammelt, angeführt von Third Point. Nvidia ist einer der Investoren.

Damit ist die Ausgangslage klar: Ein Unternehmen, das noch nicht börsennotiert ist, einen Schuldenberg für ein Kraftwerksprojekt aufnehmen will und einen Großkunden hat, dessen Name allein die Finanzierung trägt. Ein Börsengang in dieser Lage ist ein Test, den nur wenige bestehen.

Drei Rollen in einer Transaktion

Wenn die Bürgschaft zustande kommt, hat Nvidia in diesem Projekt drei Rollen gleichzeitig: Lieferant der Chips, Aktionär des Betreibers und Bürge für dessen Schulden. Jede Rolle für sich ist normal. Alle drei in derselben Transaktion sind es nicht.

Diese Struktur hat bereits Kritik ausgelöst, unter dem Stichwort Kreislauffinanzierung. Im September hatte Anthropic mit Lambda, einem weiteren von Nvidia finanzierten Cloud-Anbieter, einen Vertrag über 35 Milliarden Dollar geschlossen. Kritiker lesen daraus, dass Nvidia Nachfrage nach den eigenen Chips mitfinanziert.

Nvidias Finanzchef hat auf diese Kritik reagiert und erklärt, das Unternehmen sehe diese Vereinbarungen anders. Eine ausführliche Begründung, die den Vorwurf entkräftet, ist öffentlich nicht dokumentiert. Wer die Struktur beurteilen will, bleibt auf die Bilanzen angewiesen, und die zeigen bei Nvidia viel Cash und bei den Kunden viel Schulden.

Was für die Garantie spricht

Das stärkste Argument ist der Preis des Geldes. Ein Rechenzentrum dieser Größe finanziert sich über Kredite, und der Zinssatz hängt davon ab, wie die Banken das Ausfallrisiko einschätzen. Ein Bürge mit zweistelliger Milliarden-Cash-Position senkt dieses Risiko in der Wahrnehmung der Kreditgeber. Niedrigere Zinsen bedeuten, dass mehr von den 45 Milliarden in Hardware fließt und weniger in Zinszahlungen.

Das zweite Argument ist das Tempo. Anthropic hat Rechenleistung zugesagt, und die Zusage ist nur so viel wert wie der Zeitplan, in dem die Kapazität entsteht. Wenn eine Bürgschaft den Bau beschleunigt, kommt die Leistung früher online, und der Kunde kann früher liefern. Für Nvidia ist das relevant, weil es am Verkauf der Chips verdient, nicht am Betrieb der Gebäude.

Was dagegen spricht

Der Einwand liegt auf der Hand und ist trotzdem ernst. Eine Bürgschaft verbindet die Bilanz eines hochprofitablen Konzerns mit der eines hoch verschuldeten Unternehmens, das noch nicht an der Börse ist. Wenn das Projekt scheitert, steht der Verlust nicht nur bei Nscale.

Der zweite Einwand betrifft die Qualität des Umsatzes. Ein Teil der Einnahmen von Nscale stammt von einem Kunden, dessen Zahlungsfähigkeit wiederum davon abhängt, dass die Rechenleistung gebaut wird, die Nvidia mitfinanziert. Solche Ketten funktionieren, solange alle Glieder zahlen. Sie brechen an der Stelle, an der eines ausfällt, und dann gleich an mehreren.

Der dritte Punkt ist der Börsengang. Nscale profitiert von der Bürgschaft, weil Investoren sie als Signal lesen. Genau deshalb werden Investoren im Prospekt fragen, wie viel Umsatz von dem Unternehmen abhängt, das die Chips liefert und die Schulden garantiert. Eine Antwort, die diese Frage offenlässt, ist ein Risiko für die Bewertung.

Der Markt schaut schon auf die Kreditrisiken

Morgan Stanley hat in diesem Monat darauf hingewiesen, dass die Emission von KI-bezogenen Schulden zunimmt und die Kreditrisikoaufschläge für Rechenzentrumsanleihen sich ausweiten. Die Bank zählt beides zu den wichtigsten Belastungen für die Aktienmärkte in den kommenden Wochen.

Für die Einordnung heißt das: Der Fall Nscale ist kein Einzelfall, sondern ein besonders sichtbares Beispiel einer Entwicklung. Wenn Institutionen anfangen, für Rechenzentren mehr Zinsen zu verlangen, steigen die Kosten für alle Projekte dieser Art. Eine Bürgschaft von Nvidia wirkt dann wie ein Ausweis, den andere nicht haben.

Was noch offen ist

Vier Dinge sind nach der Meldung unbekannt. Erstens die Höhe der Bürgschaft. Zweitens, ob Nvidia sie allein stellt oder mit Banken teilt. Drittens, ob die Vereinbarung mit Anthropic über 45 Milliarden Dollar bereits unterschrieben ist oder weiter verhandelt wird. Viertens, welche Bedingungen Nscale erfüllen muss, um die Bürgschaft zu behalten, etwa Termine oder Auslastungsziele.

Bis eine dieser Fragen beantwortet ist, bleibt der Vorgang eine Meldung über Gespräche. Das ist weniger, als die Schlagzeilen nahelegen, und mehr, als die meisten Rechenzentrumsprojekte an öffentlicher Aufmerksamkeit bekommen.

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